Mein Leben mit mir

Viele wissen gar nicht, dass ich neben studierter Filmemacherin auch zertifizierte Social Media Managerin bin. Neben WhatsApp nutze ich aber bisher keine der einschlägigen Portale, dafür muss ich bis heute mein mulmiges Gefühl, mein Land gegen Glasperlen eingetauscht zu haben, vor mir her schieben. Wer mich besser kennt, der weiß, wie sehr ich Verstecke liebe. Die Sehnsucht nach den Kleider-Schrank-Verstecken der Kindheit ist bei mir mitgewachsen, deshalb scheint es mir absurd, im World Wide Web auffindbar zu sein. Diese Widersprüchlichkeit wundert wiederum die nicht, die sagen würden, bei mir handele es sich um die personifizierte Ambivalenz. Dabei mag ich nur die Vielfalt und die Abwechslung zwischen Entweder/Oder und Sowohl/Als auch.

Wahr ist, dass es mir schon als junges Wesen großes Vergnügen bereitet hat, Verstecke auszumachen und mit dem Verfeinern meiner Fertigkeiten auch darüber Buch zu führen. So gibt es bis heute meine geheime Liste der besonderen Verstecke, die fast auf der ganzen Welt verteilt sind, dort, wo ich halt bis dato gewesen bin. Ist man denn nicht gut beraten, wenn man sich rechtzeitig nach Möglichkeiten des Abtauchens umsieht, um sich vor der schattigen Welt, den Nachbarn, der Familie, dem Alltag, den eigenen Ungereimtheiten zu verstecken? Man kann dort uralten und brandneuen Gedanken nachhängen, Momente in riesige Raumfalten ausdehnen, darin steckenbleiben und in Ruhe zu sich kommen – oder ich finden lassen.
So taugt beispielsweise der Heizungskeller als Versteck, wenn es dem Leben an Bassgewummer und Antwerpen fehlt, wenn man trotz geputzter Zähne morgens mit pelziger Zunge erwacht und der Alltag bleich ist und still steht. Der Dachboden dagegen, macht sich immer gut als Versteck, dort klingen die Stimmen der Leute von unten mollig, im Wespennest zwischen den Dachlatten knistert es leise, man tastet auf eine Zeit, die man bereits hinter sich hat. Zum Dachboden gehören Einsamkeit und Jugend, dort übt man Flaschendrehen und Existenzialismus.

So möchte ich nichts versprechen und kann Ihnen/Dir nicht voraussagen, was Sie/Du auf dieser Seite zu lesen bekommen/bekommst…werden/wirst.

 

Breeeze it or leave it

Eine Erfindung

von Lisa Högg

Ein fiktives Interview mit der Erfinderin des weltweit beliebten „Breeezers“, der weltweit wie ein Blitz eingeschlagen und vielen Menschen ein neues Lebensgefühl ermöglicht hat. Ein stattlicher Anteil des Erlöses fließt in die Krebsforschung, in Kinder-, Umwelt,- und Menschenschutz
Die Interviewerin: Lisa Högg (jetziges ich Ich), Interviewpartnerin: Lisa Högg (zukünftiges ich Ich)

Sie sind gestern als Unternehmerin des Jahres gekürt worden, Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle.
Dankeschön! Fragen Sie mich jetzt, ob ich vor einem Jahr damit gerechnet habe?
Keinesfalls, unsere Hörer und Leser interessiert natürlich am meisten, wie kommt man auf so eine schöne Idee?
Wie so oft, aus der Not, vielmehr aus der Rebellion gegen Not. Der allererste Funke flog bei mir zuhause auf dem Balkon. Ich hatte Besuch von einer ganz hervorragenden Freundin, einer Nichtraucherin, die immer sehr tolerant mit meiner verhasst-heißgeliebten Zigarettensucht umgegangen ist.. Sie gesellte sich also zu mir, während ich mir eine „A.Spirit“ angezündet habe. M. reizt mich immer sehr angenehm zum Nachdenken. Was gibt mir das Rauchen? Am wenigsten der Geschmack. Es ist das Armen, tiefe entspannte, zelebrierte Atemzüge, ein stummes Erholungsseufzen, was ich so liebe. All die Pausen, die meinen Alltag strukturieren, die innere Ausrichtung nach getakteten Abschlüsse oder Zwischenstationen von unterschiedlichsten Einheiten des Tagesablaufes; Ein Kapitel beendet -Takt, Mittagessen einverleibt -Takt, Kaffee vor dem Sport-Takt-Abwasch vor dem Sonntagstatort-Takt … es entsteht eine rhythmische Melodie aus vergehender Zeit. Die Melodie setzt sich zusammen aus Belohnung, „Ich-Zeit“, Stressabbau, Zugehörigkeit, Offenheit …
Verzeihen Sie bitte, wenn ich Sie unterbreche …
Es stimmt schon, diese Gedanken habe ich mir erst viel später gemacht. Während der entscheidenden Balkonsituation hörte ich mir mal selber gut zu. Mir gehe es um das „Geatme“, genauso gut könne ich mir eine rohe Maccaroni zwischen die Lippen klemmen und „breeethen“, das Nikotin und sämtliche Giftstoffe könnten mich gernhaben und ich hätte mir das schon ein paar Mal abgewöhnt, auch über lange Jahre, aber die getaktete Zeit würde mir fehlen, wie das Blinzeln. BOOIIING, Die Idee des Breeezers war geboren. Ästhetinnen, die wir nun mal sind- meine Freundin ist Szenenbildnerin und Designfan, erhoben wir die Nudel sogleich in den Lippenschmeichlerhimmel und hatten einen feinen Spaß damit, uns auszudenken, wie sich der Breeezer anfühlen und wie er aussehen könnte. Edel, das war klar, individuelle Gestaltungsmöglichkeiten für den potentiellen Kundenstamm.
An welche Materialien hatten sie gedacht?
Edelstahl, Porzellan, Holz, Bambus, Keramik, Platin, klassische Silber-,Gold- und Kupfertöne … wir hatten umgehend anfragen vieler namhafter Designer, Missioni, Dries van Noten, Paul Smith, Diane, Stella, Kate, Victoria … alle wollte sozusagen in aller Munde sein, dabei sein bei einer solch genialen wie nachhaltigen Erfindung, die nicht nur „cool“ ist, sondern sich auch noch rotzfrech mit der Zigarettenindustrie anlegte …
Und die Sterblichkeitsrate senkt! Ihr Breeezer ist nicht mit der E-Zigarette zu vergleichen?
Nein, der Breeezer hat Fetischstatus! Man kann ihn sich wie einen Bleistift über das Ohr klemmen, im feinen Etui aufbewahren oder als abclipsbarer Anhänger an einer Kette um den Hals tragen.
Haben Sie sich persönlich schon mit der E-Variante des Rauchens beholfen oder Tabakersatzstoffen?
Niemals! Ich wollte ja den „Stil“ des Rauchens beibehalten. Das „Gedampfe“ mit diesen, wie ich finde- unattraktiven Gerätschaften verleiht den Menschen eher einen würdelosen Touch. Damit degradiert man sich noch mehr zum „abhängigen Looser“, als mit einer ehrlichen Zigarette.
Nun ja, die herkömmliche Zigarette impliziert bei einem abhängigen Raucher, der die unwürdigsten Gänge auf sich nimmt, um an seine Stängel zu kommen, auch nicht gerade das Optimum an freier Entscheidung.
Ganz genau. Das Nikotin und alle weiteren Giftstoffe mussten weg, auch die asoziale Brise, die einen als Immer-noch-Qualmer und Selbstvergifter umweht. „Russisch Roulette für Doofe“ ist kein Charakterlabel, das man sich – bei aller Verdrängung- gerne anpinnt. Im Gegenteil. Wir erfreuten uns an dem Gedanken uns selbst mit dem Breeezer zu jener Avantgarde zu erheben, zu der wir uns als jugendliche Anfängerraucher Einlass zu verschaffen glaubten.
Was natürlich eine fiese Lüge der Tabakkonzerne war?!
Das gesellschaftliche Bild stimmte ja anfangs noch. bis die Schäden für alle am Tabak blasen Beteiligten nicht mehr verdrängt werden konnte. Dennoch, wenn Sie heute unter den heutigen Noch-Rauchern und Exrauchern nachfragen, hält sich die Meinung, dass es unter Rauchern nach wie vor am gemütlichsten und lässigsten Plaudern und Kontakt knüpfen lässt.
Wäre ja schade dies aufzugeben?!
Das Wort aufgeben droht ja schon mit Verlust. Wenn Sie das mal konsequent psychologisch durchdenken, muss auch dieser Verlust betrauert werden, oder noch besser natürlich, man lässt erst gar keinen entstehen. Wir haben einfach Lust, auch bisherige Nichtraucher zu Breeezern zu machen, um ganz bewusst neue Gemeinschaften zu bilden, die einen neuen Wert im Umgang miteinander pflegen. Die „Eintrittskarte“ muss erschwinglich sein, keinen ausgrenzen und darf nicht an der Gesundheit rütteln. Was ein zukünftiger Breeezer schon mitbringen sollte ist eine offene und neugierige Haltung zum Leben.
Sie sind ja ein bekennender Fan von Meditation, Atem und MBSR Training. Ist das bewusste Atmen auch ein Bestandteil des Breeezer – Konzeptes?
Das ist sogar mein wichtigstes Anliegen! Ich hatte schon immer eine ungemeine Vorliebe fürs Atmen. Das Spielen damit, das Ausreizen der Atempause, das Luftanhalten trainieren, die ganzen Facetten des Einatems und Ausatems. Das mag daran liegen, dass ich als Fünfjährige mit meinem Bruder und ein paar Nachbarskindern bei uns im Allgäuer Dorf auf dem Sandberg Gelände verschüttet wurde. Es war verboten dort zu spielen, aber wir konnten die Gefahr noch nicht verstehen. Einem benachbarten Bauern, der uns immer beschimpfte, war aufgefallen, dass wir nicht mehr lachten und lärmten. Er hat uns dann mit seinem Bagger ausgebuddelt und sorgte so für unser Weiterleben.
Dem Herren gebührt im Nachhinein alle Ehre! Sonst könnte ich Ihnen jetzt nicht weiterhin viel Erfolg für Ihren Breeezerfeldzug wünschen!
Ich bedanke mich auch sehr herzlich. Wollen wir gleich zusammen hinaus auf den Balkon und ein paar Atemzüge mit einander breeezen?
Da sage ich nicht Nein. Nehmen wir den Fotografen mit?
Naturelemente (smile)

Nebenwirkungen

Erfinden wir Geschichten oder findet uns die Geschichte?
Folgendes hat sich zugetragen, während ich an der Drehfassung meines Abschlussfilmes „Die Rote Waschmaschine“ geschrieben habe. Der Film erzählt die Geschichte eines Fuzzylogic Chips aus der Weltraumforschung, der in einem Deep Space Roboter der NASA im All nach außerirdischem Leben suchen soll – aber aus Versehen in die Elektronik einer Waschmaschine gerät. Man darf sagen, dass ich zu dieser Zeit durchaus zu den Experten in Sachen Waschmaschinen gezählt werden durfte.

Nach einer durchgeschriebenen Nacht, drehte ich eine Runde ums Haus, um mein strapaziertes Gehirn auszulüften. Weit war ich nicht gekommen, schon in der nächsten Nebenstraße gab es etwas zu entdecken. Ein unübersehbarer blinder Mann, noch keine 30 Jahre alt, fuhr energisch mit seinem Blindenstock an einer Hausmauer entlang, drehte sich dabei wogend in alle Himmelsrichtungen, als wollte er ermitteln, aus welcher Richtung der Wind blies. Über seiner Schulter bewegte sich ein in ein Laken geknotetes Bündel.  Als ich auf seiner Höhe angekommen war, konnte ich sehen, dass sich in den Nestern seines verfilzten Bartes noch einzelne Erbsen vom Mittagessen befanden. Der Sehbehinderte sprach mich freundlich an: „Könnten Sie mir freundlicherweise behilflich sein? Ich kann den Eingang zum Waschsalon nicht finden!“ Diese gepflegte Wortwahl aus seinem Munde hätte ich nicht erwartet. Ich bot ihm meinen Arm an, in den ich ihm helfen musste, da er meine einladende Bewegung ja nicht sehen konnte. „Natürlich, sehr gerne! Kann ich machen“, stolperte meine seit vielen Stunden unbenutzte Stimme herbei. Der Salon befand sich in einigen hundert Metern am Ende der Straße. Der blinde Mann befühlte ausgiebig den Stoff meines Jackenärmels, befand ihn wohl als vertrauenswürdig und setzte heiter an, in einen Plauderstrudel zu geraten, während wir uns auf den Weg machten. Es sei gar nicht seine Art, Waschsalons zu  bemühen – autark zu leben sei ihm ein hohes Gut -, aber ein Malheur zwinge ihn dazu. Weiter erfuhr ich, dass seine Name Adalbert war und dass er die Einliegerwohnung im Haus seiner Eltern bewohne, Keller und der Wirtschaftsraum werde gemeinsam benutzt. Vor Adalberts Arbeitsunfall, der ihn erblinden ließ, sei er in seiner Freizeit vom Golfspiel leidenschaftlich hingerissen gewesen. Seine verständnisvollen Eltern hätten  ihm als Trost im Keller eine Minigolfanlage eingebaut, er trainiere jeden einzelnen Tag. So auch gestern. …

Fortsetzung folgt

 

Beobachtungen